Jugendlicher 1.0

Hallo. Mein Name ist Jonathan. Meine Mutter gab mir den Namen. Sie wählte dieses biblische Zeugnis, da sie, tief religiös wie sie nun mal ist, mich als „Geschenk Gottes“ empfand. Die ungefähre Übersetzung des Namens ist’s jedenfalls. Ich solle intelligent werden und mal wie der biblische Freiheitskämpfer Jonathan meine Ideologie kundtun. Ach Quatsch, meine Eltern konnten sich einfach nicht entscheiden und gaben mir den Namen irgendeines Tierfilmers. Kameramann bei irgendeinem Afrikafilm. Ich bin also ein Abspannkind. Nun noch in der Pubertät, also habe ich mich auch so zu fühlen. Jemand, der ganz hinten ist, keine Hauptrolle einnehmen darf, jemand, der nur knapp als technischer Helfer genannt wird. Aber weiter zu meiner Person. Ich habe nun das Alter 17 erreicht und lebe auf dem Land. Stadtbewohner könnten nun denken, dass diese Dinge nicht viel gemein haben, aber ich muss hiermit bestätigen, doch, ja, doch, das haben sie. Mit 17 hat man noch Träume, da wachsen noch all die Bäume, in dem Himmel der Liebe. Ich frage mich, wer so ein dummes Lied geschrieben hat. Bäume wachsen vermehrt auf dem Land. Bei mir wächst liebestechnisch mal so gar nichts. Tote Hose. Aber… nein, tote Hose eigentlich nicht, weil… na, Sie wissen schon. Vielleicht sind es die Hormone, die Trübsal blasen, auch wenn ich mir dieses Schauspiel lieber mit anderen Charakteren angesehen hätte. Ich wäre ein Protagonist, nur so viel dazu.

Die Hormone. Irgendwie ist alles anders. Die Mutter, die Schwester, man selbst. Nicht nur, dass man Haare hat oder auch nicht hat und sich schämt, weil man sie nicht weg rasieren kann, obwohl es alles genetisch und nicht änderbar ist und sowieso keinen interessiert. Das Aussehen plagt jeden Menschen. Es geht um die Fortpflanzung, es geht um Sex. Dass dieser Geschlechtsakt auch von Pickeln aufgehalten werden kann, beweist jeder pubertärer Jugendlicher. Die Welt geht unter. Für jeden einzelnen. Hiroshima-Bomben sind harmlos dagegen. Jeder und jede einzelne denkt, fühlt und regiert genau gleich. Ein Strom aus Millionen gleicher Individuen. Was kann man dagegen tun? Wir haben die Bravo, der Dr. Sommer ist auch im Internet vertreten, na und? Was wissen die schon. Die sagen auch, dass die Größe nicht entscheidend ist, wer’s glaubt. So zählen ja schon mal gar nicht die inneren Werte. Alle Leute sind darauf bedacht, andere zu beurteilen und sich davor zu drücken, negativ beurteilt zu werden. Ist man nicht von Gottes Gnaden dazu auserwählt, zu den Top 10.000 zu gehören, ich zähle mich dazu, ist das Leben eine Qual. So kommen leicht eine Milliarden Teenager zusammen, die von Depressionen heimgesucht werden. Bin ich zu fett, zu mager, was ist mit meiner Nase, sind’s die Schamlippen oder die Farbe des Nasenhaars. Jeder normale Gedanke wird von zwei weiteren negativer Art heimgesucht. „Hat die gerade auf meinen fetten Bauch geguckt? Ja, ich weiß, dass das Hemd zu eng ist… hätt‘ ich sie mal nur früher in die Wäsche getan… sie hasst mich.“ Ich fände es mal lustig, ein Comic dieser Natur zu lesen. Die Sprechblasen sind gefüllt mit simplen Sätzen und fiesen Andeutungen. Es gäbe auch eine lustige Billig-Hollywood Produktion ab, bei der man die Gedanken der anderen hört… aber… weiter zu mir. Okay, ich bin nicht ganz schlank, ich weiß nicht, ob ich andere auch nur ansatzweise befriedigen kann und ob man mich überhaupt mag. Ich nerve, dass weiß ich. Dass wissen alle. Niemand mag mich. Außer Oma. Oma mag mich. Ja, bin ich lustig, bin ich hetero oder gar schwul? Was will ich mal werden, niemand mag mich, ich bin ein Looser. Innerhalb der letzten vier Minuten, seit dem ich angefangen habe zu erzählen, hat sich mein Hormonspiegel von gelangweilt zu deprimiert verwandelt. Die Verzweiflung meiner Worte entspricht der eines jeden einzelnen Jugendlichen. Warum mache ich, Dr. Sommer oder diese ganze Bargarde, die mich nicht mag, dann so ein großen Wind aus der Sache? Wieder mal kommt man nur auf die Antwort Sex. Meine Sexlosigkeit deprimiert nun noch mehr. Hach. Positiv Denken. Ich bin alternativ erzogen worden, meine Mutter ist nun doch keine katholische Jungfrau. Yin und Yang. Alles ist super. Ich mag meine Füße und meine Augen, meine Nase ist eigentlich doch nicht so schlecht. Alle lieben mich. Ich gehe nackt durch die stadt, alle werden mich bewundern, ich bin ich! Ich bin ich, Jonathan! Alle haben nur so auf mich gewartet. Nein. Also nein, nicht des Verneinens wegen, nein, so sieht nämlich die andere Seite der Pubertät aus. Leute, die sie durchströmen, werden auf das Leben vorbereitet. Nicht nur körperlich. Natürlich werden alle Körperteile auf Funktion und Qualität getestet, aber auch die Gefühlshormone werden eingestellt. Entweder geiler Überflieger oder abstoßendes, völlig isoliertes Wesen. Ist das ein positives Merkmal an der Scheiße? Ich weiß es nicht. Keiner weiß das. Das schwöre ich… auch wenn ich dieses süffisante Lächeln derjenigen Satt bin, die diesen Hormontestlauf und auftuning Phase schon durchfahren sind. Wir sind eine Karosserie. Ein Luxusschlitten oder eine Schrottkarre und die Oldtimer sagen, dass es bei ihnen genauso war und man da durch müsse und alles doch ganz einfach wäre. Nix einfach. Bei denen gab’s ja noch nicht mal bleifrei.

Herzlich Willkommen im Irrenhaus.

Ehrlich gesagt? Sie tuen mir Leid.

Davon mal abgesehen, finde ich es sehr erbärmlich, dass sie auf jeden, Ihnen dargebotenen Link klicken.

Was würden Sie sagen, wenn ihr gar Pornografie wäre?

Das ist Ihnen bestimmt nicht zumutbar.

Nicht jetzt, wo Sie schon geschockt sind, hier zu sein.

Schauen Sie sich am besten mal um, das ist die einfachste Art, ein Trauma zu verarbeiten.

Guten Tag.